Welch witziger Titel. Ha! Ha! Mir ist nicht wirklich nach lachen zumute. Ehrlich gesagt, weiß ich gar nicht, wonach mir zumute ist oder sein sollte. Das frage ich mich sowieso schon den ganzen Tag. Schon seit dem gestrigen Abend. Als der Zug, in dem ich saß, mal ganz nebenbei einen Menschen überrollt hat. Es hat nur kurz geholpert, wie ein Schluckauf. Der Schluckauf entpuppte sich als "Personenunfall". Der "Personenunfall" entpuppte sich als unscharfer Klumpen einige Meter hinter dem Zug. Der Klumpen entpuppte sich wiederum als etwas, das eine Minute zuvor noch ein Mensch gewesen war.
Ich habe miterlebt, wie aus einem Menschen, von dessen Existenz ich bis zu jenem Zeitpunkt gar nicht wusste, ein undefinierter heller Fleck im trüben Abendlicht wurde, der mit zunehmender Dunkelheit nur weiter an Form und Farbe verlor, bis nichts mehr von ihm übrig war, als die Erinnerung ein ein dumpfes Holpern. "Aufgrund eines Personenunfalls verzögert sich die Weiterfahrt auf unbestimmte Zeit." Dann 1,5 Stunden warten. Warten auf was? Bestätigung? Ein Taxi? Irgendeine Form der Kontaktaufnahme durch Bahnpersonal oder einen der vielen Polizisten, Feuerwehrmänner, Notärzte? Ja, so ein unvorhergesehener Suizid kann die Heimfahrt schon ganz schön schmälern.
Zuerst fragt man sich noch... war es wirklich ein Mensch oder vielleicht doch ein Reh? Dann huschen die ersten Männer in ihren orangenen Westen vorbei. Auf einmal wimmelt alles von Polizei und allen möglichen Leuten mit Scheinwerfern, die sich um den namenlosen Klumpen herum ansammeln. Keiner sieht die ahnungslosen Reisenden im Zug. Man kommt sich vor wie in einem dieser gelben Mini-U-Boote. Abgeschottet. Alles miterlebend, aber nichts so richtig. Ein. Zwei. Drei mal Blaulicht. "Es ist echt ein Mensch.", versichert mir unaufgefordert eine Mitreisende. Im Scheinwerferlicht könne man gut erkennen, worauf ich an dieser Stelle nicht eingehen möchte. Gewissheit. Gewiss?
Dann irgendwann kommt der Ersatzzug, um uns doch noch ans Ziel zu bringen. Wir steigen um über kurze metallene Tretleitern, umgeben von gesichtslosen Männern in Uniform. Künstliches, grelles Licht weist den Weg über abgebrochene, trockene Halme von werweißwas. Ein Teenager macht Fotos mit seinem Handy. Die Fahrt geht weiter. Ankunft am Zielbahnhof. Auflösung. Warten auf den Anschlusszug.
Von der Bahn so schnell wieder in den Alltag ausgespuckt, dass beinahe in Vergessenheit gerät, dass man gerade den Tod eines Menschen miterlebt hat.
Reduziert zu einem Holpern. Reduziert zu einem Verkehrshindernis. Einer Unannehmlichkeit.
Den halben Tag lang warte ich vergebens auf eine Meldung in den Nachrichten. Mittlerweile rechne ich nicht mehr damit. Ich lese vom sogenannten Werther-Effekt und von traumatisierten Lokführern. Ich werde niemals seinen Namen erfahren. Alles, was bleibt, ist die Ungewissheit. Das Gefühl der Machtlosigkeit. Und dieses dumpfe Holpern.
Zwei bis drei Menschen sterben im Durchschnitt pro Tag in Deutschland auf diese Weise. Es ist also buchstäblich alltäglich. Bedeutungslos. Sofern es sich nicht um eine Berühmtheit handelt, versteht sich. "Hat sich schon wieder einer platt-fahren lassen?" Ich weiß nicht, was ich empfinden soll. Was wäre der Situation angemessen? Eine gewisse Portion Mitleid? Nicht zu wenig aber auch nicht zu viel. Mitleid für einen identitätslosen Klumpen/Menschen, dessen Tod mit jeder verstreichenden Minute ein neues Gesicht annahm und letzten Endes, kaum zwei Stunden später, bereits vergessen war. Als wäre nichts geschehen. Die Bahn kommt mal wieder zu spät, aber das ist ja nichts neues. Auch das ist alltäglich.
Und ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass da etwas fehlt. Etwas Entscheidendes. Ein Sinn. Ein Name. Ein Abschluss. Irgendetwas. Doch da ist nichts. Wer wollte, könnte diesen einen Abend sinnbildlich sehen für die Zeit, in der wir leben, für unsere Gesellschaft. Es ist schon interessant, welch unterschiedliche Bedeutungen ein Mensch einnehmen kann, degradiert zu etwas namenlosem. Es macht mir Angst. Es macht mich traurig. Und ich realisiere, dass es keine Empfindung, keine standardisierte Reaktion gibt, die dieser Situation angemessen wäre.
Ich wünsche mir nur einen Abschluss. Einen Namen.
Niemand hat es verdient, so in Erinnerung behalten zu werden.

Darum ist mein Mitleid bei dem Lokführer. Ich kann mir unmöglich vorstellen, was in ihm vorgeht. Und es ist bei dem Namenlosen.

Keine Worte des Trosts. Nur der Wunsch nach etwas mehr Menschlichkeit.

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