München

Wenn ich aus dem Fenster blicke, sehe ich ein weiteres Fenster und ein weiteres und ein weiteres und ein weiteres. Ich sehe eine Ikea-vorzeige-Küche mit intensiv himbeerroten Wänden, stets hell erleuchtet von einer übergroßen Kunststoff-Origami-Hängelampe, in Gedenken an zu Recht abgesetzte Zwangsumdekorierungsshows. Ich sehe ein dürres Bäumchen, nach Luft in einem beengten Hinterhof schnappend. Regen und nochmals Regen, der penetrant auf das metallene Fensterbrett prasselt.

Es ist leicht, die Dinge zu beschreiben, die man sieht und umso schwerer, eben jene in Worte zu fassen, die niemand sehen kann.

München ist groß und stinkt vor Geld. Obwohl, Geld stinkt ja nicht. Nicht, wenn man genügend davon hat, um alles mit Kreditkarte zahlen zu können. Nicht, wenn man bedenkt, dass statistisch gesehen an jedem Schein ein Mikrogramm Koks haftet. Vielleicht sollte ich mir einen Mercedes kaufen oder doch besser einen Aston Martin, ist ja alles gleich um die Ecke. Wenn ich eh noch Milch holen muss.

Zu wissen, dass man in einer eher wohlhabenden Gegend lebt, kann schon beruhigend sein. Irgendwie. Zermürbend zugleich. Bose, Tiffany und Armani starren mich an in ihrer zeitlos zurückhaltenden Eleganz. Wohl wissend, dass das Glas ihrer Schaufenster meine Welt und die ihre immer während trennt.

Die barocken, sandig gelben Gebäude mit ihren Säulen und Statuen, Springbrunnen und übergrünem Rasen im Bürstenschnitt, erwecken den Eindruck von Urlaub in Italien. Der endlose Englische Garten, direkt um die Ecke, schreit Erholung. Und alles ist so perfekt. So perfekt, dass ich kotzen könnte.

Es ist verrückt. Oder ich bin verrückt. Was macht das schon für einen Unterschied?

Die Arbeit ist ebenfalls perfekt, zumindest in der Theorie. Riesenagentur. Riesenhaft in jeder erdenklichen Hinsicht. Toll. Spannend. Herausfordernd. Erdrückend. Erbarmungslos.

Keine Zeit zu zögern, keine Zeit für Fehler. Keine Zeit. Zeit ist Geld, wenn es danach geht, müsste man hier jede Menge Zeit haben.

Alles, was zählt, sind Ergebnisse. Ein Resultat-regiertes Regime rastloser Roboter. Zufriedene Roboter, wie es scheint. Neid und Missgunst werden nicht ausgesprochen, existieren demzufolge nicht. Nichts existiert, was nicht laut Briefing offiziell existieren soll und bis spätestens gestern erledigt ist. Nichts existiert.

Mit Ausnahme das Staubs von der Baustelle auf der anderen Seite der Straße. Er legt sich auf die Zunge, bedeckt die Stimmbänder und Haare und ist so viel echter als alles andere.


München ist wie ein Puzzle. Neunhundertneunundneunzig Teile, sauber zusammengelegt in vollkommener Harmonie. Doch da ist dieses eine Teil, das einfach nicht passen will, egal, wie herum man es dreht oder wie oft man mit dem Handballen darauf klopft. Dieses eine Teil, von dem man sich fragt, wo es her kommt und was es dazwischen verloren hat.


Ich frage mich, wo der Sinn liegt. Welche Lehre gibt es dieses mal zu ziehen? Welche Erkenntnis liegt verborgen hinter Wänden aus glänzenden Ideen und zementgrauer Realität?


Ich habe keinen blassen Schimmer.



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